Referenz ohne Referent – wie eine neue Richtung der Fotografie aussehen kann.


Steffen Junghans: An einer Landstrasse

Bei dem diesjährigen Spinnereirundgang in Leipzig ließ mich bis heute vor allem die Fotografie von Steffen Junghans An einer Landstrasse (2005) nicht mehr los. Im glänzenden Diasec-Querformat von 125x185cm sind darauf zwei parallel zueinander verlaufende weiße Flächen zu sehen, die sich voneinander nur durch einen minimalen Farbunterschied in der Weißskalierung unterscheiden. Die dadurch entstehende Trennungslinie verläuft im Bild leicht abfallend von links nach rechts und teilt die beiden Flächen damit in fast gleichgroße Teile.

Bemerkenswert war zunächst die Flächigkeit der Fotografie, deren kompletter Mangel an Räumlichkeit konsequent durch die Diasec-Kaschierung unterstrichen wird. Das vorherrschende Weiß blendete und führte das Auge ins Nichts. Das Bild bot außer der schrägen Linie keinen Anhaltspunkt, an dem man sich festhalten konnte. Das war vor allem für diese Fotografie von Junghans (und auch für das stets referentielle Medium Fotografie!) der ungewöhnlichste und bedeutungsreichste Punkt der Beobachtung. Junghans arbeitet normalerweise nicht abstrakt. Die anderen Fotografien in seiner Ausstellung der Leipziger maerzgalerie sind sehr konzentrierte und scharf umrissene Ensembles aus wiedererkennbaren Bildmotiven. Diese Fotografie bestach dagegen eindeutig allein durch ihre Referenzlosigkeit. Genau diese Abwendung von dem unabdingbar technisch determinierten und unveränderlichen Referentenbezug von, zugegebenermaßen, analoger Fotografie eröffnet meiner Meinung nach einen neuen, klaren Weg, der die Fotografie aus ihrer Kunst-Krise führen kann.

Denn sprechen wir von Narration. Sobald eine Fotografie einen sichtbar erkennbaren Referenten bereithält, bleibt dem Bildobjekt kein anderer Weg übrig, als sich mit Narrationsprozessen des Betrachters auseinandersetzen zu müssen. Narration ist dabei immer der Tod des abgebildeten Objektes (dem was ist) und ein holistisch motiviertes Drumherumbauen von Bedeutungszeichen, welches als Interpretation zu werten ist. Bemerkenswert ist vor allem, dass der Interpretant diesen Narrations-und-Interpretations-Prozess in dem Moment des Wiedererkennens des Bildzeichens beginnt, d.h. im ersten Schritt in einer Erkenntnis des tatsächlichen Referenten des Abgebildeten und dieses unvermittelt weiterführend in einer Relationsbildung zu seinen eigenen Erfahrungs- und Assoziationswerten. Darin kann er sich einen Begriff von dem machen, was er sieht.

Was geschieht nun in Junghans bemerkenswerter Fotografie? Sie hat keinen erkennbaren(!) Referenten. Damit blockiert sie vollkommen den Wiedererkennungsprozess und schließt Narration aus. Dennoch ist gesichert, dass es einen Referenten geben muss, weil es sich in technischer Hinsicht um eine analoge Fotografie handelt. Das Ergebnis ist nun ein reiner Signifikant ohne Signifikat. Im Medium Fotografie empfand ich diese radikale und konsequente Negierung der Narration und des Referenten als einmalig. Junghans referenzloser Referent öffnet der Fotografie den Weg hin zu einer perfekten und reinen Figuration durch die Abstraktion.

Und dennoch ist es noch nicht ganz soweit. Kritischerweise bleibt anzumerken, dass Junghans den bedeutungsschweren, referentiellen, narrativen und zusätzlich topografisch verortenden Titel An einer Landstrasse getrost hätte weglassen können. Die Irritation wäre damit perfekt und eine neue Tür für die analoge Fotografie aufgestoßen, die sich nun von ihrer Grundbedingung der Referenz freimachen könnte und damit auch den Dolchstoß der Narration, in einer Aufbrechung des semantischen Systems, hin zu einer reinen Figuration in der Abstraktion abwehren könnte.

Ausstellung: Steffen Junghans: KAPITULATION (I/II/III) - Neue Fotografien, bis zum 10.07.2010 in der maerzgalerie, Leipzig.
Foto: Steffen Junghans: An einer Landstrasse, Laserchrom Diasec, 2005, 125x185cm, Ed. 5+2, courtesy maerzgalerie.