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In Berlin-Charlottenburg gibt es seit Juni 2008 die
Kunsthalle Koidl, eine private Initiative des Schweizer Schokoladenfabrikanten Roman Maria Koidl, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Privatsammlungen der Öffentlichkeit zu präsentieren. Zugute zu halten ist Koidl die Rettung eines der schönsten Beispiele der Berliner Industriearchitektur. Er ließ in jahrelanger, in Deutschland immer nervenaufreibenden Kooperation mit dem Denkmalschutz, geduldig das 1928 vom Berliner S-Bahnarchitekten Richard Brademann im Bauhaus-Stil entworfene Umspannwerk restaurieren, welches nun als Ausstellungsort dient. Diese Rettung historischer Bausubstanz ist vor dem Hintergrund der in Berlin leider vorherrschenden Verdrängungsmentalität von (anscheinend teurer) geschichtsträchtiger Architektur (die Berliner Mauer, Palast der Republik) nicht hoch genug zu loben – auch wenn seltsamerweise eine Heizung im Gebäude fehlt, deren Abwesenheit bei minus 6 Grad Außen- und Innentemperatur, in der klirrenden Berliner Winterzeit nicht nur der Kunst schaden kann.
Koidl etabliert mit dem Raum auch einen exklusiven Zirkel rund um eine kleine Schweiz- und Sammler Connection. Die für beide beteiligten Seiten resultierenden Vorzüge dieser Art von privater Kunstpräsentation sind ebenfalls allgemein bekannt: Wertsteigerung, Imagepolitur und ein wachsender Bekanntheitsgrad. Kunst als Vehikel für Eitelkeiten. Das Konzept mutete zu Beginn idealistisch an: Sichtbarkeit für die Kunst schien das Leitmotiv zu sein. Dass die Auftaktausstellung dann allerdings mit ausgewählten Werken der Sammlung der Dresdner Bank bestückt wurde und somit auf bekannte und bereits etablierte Künstler setzte, wies in die traditionelle und gähnend langweilige Richtung des zielgerichteten Marketings und passte zum bürgerlichen Charme Charlottenburgs auf Altbewährtes zu setzen. Kritik machte sich im störrischen Berlin breit, das sich fragte, wieso in der Hauptstadt der Kunstproduktion nicht weniger bekannte Akteure als Giacometti und Ackermann zur Abwechselung die schon zahlreich durchgespielten und altbekannten Sehweisen sprengen konnten? Mit der nun präsentierten Schau des amerikanischen Fotografen Mark Morrisroe (1959-89), dessen Nachlass sich seit 2002 in der Schweizer Sammlung Ringier befindet und von Teresa Philo Gruber im renommierten Fotomuseum Wintherthur aufgearbeitet wird, schien ein Schritt auf noch unbekanntes Terrain getan zu werden. Ein wenig bekannter, mit 30 Jahren früh im New Yorker Schwulen- und Drogenmilieu verstorbener „Künstler“ wird dabei mit ausgewählten Polaroids, Fotografien, „Sandwich-Prints“, Briefen und Plakaten präsentiert. Ein Abtrünniger, Verstoßener, vom Schicksal gebeutelter Homosexueller, dessen Biografie den Betrachter trifft, dessen Bilder einen jedoch ratlos zurücklassen, weil sie auf nichts anderes verweisen, als auf ihn selbst.
Man könnte meinen, dass die Auswahl aus seinem Nachlass für diese Ausstellung unglücklich ausgefallen sei. Wahrscheinlicher mutet an, dass sein gesamtes Werk ein Kabinett der Eitelkeiten und Selbstsinszenierungen ist. Morrisroes Arbeiten sind von einem unverholenen Narzissmus geprägt, der sich sogar in den von ihm akribisch inszenierten Polaroids von seinen Freunden widerspiegelt. Diese Porträts würdigen nicht die Dargestellten, sondern Morrisroe selbst, der sich in ihren ästhetisierenden, an Man Rays Arbeiten angelehnten, Gesten verewigen will. Morrisroe sucht sich selbst, mehr ist nicht zu finden. Die Ausstellung ließ mich damit äußerst unbefriedigt zurück. Denn seine Arbeiten verweisen auf nichts Außenstehendes, auf nichts, was weiter geht, als sein trauriger Blick zurück auf sein dunkel gezeichnetes Leben und die träumerische Flucht in die Welt der Bohéme der Zwanziger Jahre, die er in seinen schwarz-weiss Polaroids wiederbeschwören will. Morrisroe, der wie in einem verzweifelt-extremen Punk-Song ein von Grausamkeiten durchsetztes Leben gehabt hat (drogenabhängige Mutter, mit 16 ausgezogen, sich als Stricher durchgeschlagen, von einem Freier angeschossen worden, dazu heroinabhängig, schwul und HIV-positiv) trieb sich sein Leben lang herum und schlug sich durch. Einen Tag danach gab es in seinem Bewusstsein nicht. Es gab nur ihn. Er besuchte kurzzeitig die School of the Museum of Fine Art in Boston, wo er auf Nan Goldin oder Philip Lorca di Corcia traf. Diese Begegnung schien nichts veränderliches auszulösen.
Die Fotografien zeigen einen verängstigten, einsamen, verletzten und sich nach Liebe sehnenden Morrisroe, der Authentizität vermitteln will, dabei aber ihrem (inszenierten) Schein zum Opfer fällt. Seine Fotografien vermitteln sein Selbst in der Gefangenschaft der Perspektivlosigkeit seines Lebens, sie verweisen auf kein Ausserhalb der reinen Dokumentation seines eigenen Leidens und Unglücks. Ich beschäftigte mich beim Anblick seiner Arbeiten ständig mit der Frage, wo der Unterschied zu den Arbeiten von Nan Goldin lag? Wieso ihre Bilder doch weiter gehen? Ich fand die Antwort in Goldins soziologisch-zeichnendem Gestus. Goldin konnte objektivieren und sich selbst zurücknehmen, so sind ihre Bilder vielfältiger gefächert als Morrisroes im engen Ich-Korsett gefangene Protagonisten seiner Porträts, wie auch er selbst. Morrisroe hatte keine Idee hinter seinen Fotografien. Vielleicht hatte er in seinem kurzen Leben zu wenig Zeit und Raum, um sich aus seiner engen Sphäre der Suche nach sich Selbst im Wust von Gewalt, sexuellen Exzessen und der permanenten Gradwanderung auf der Grenze der eigenen Existenz zwischen (Über-)leben und Tod herauszulösen.
Ich kann immer noch nicht sagen, es handle sich bei seinen Arbeiten um Kunst. Die einzigen überzeugenden Fotografien waren die sog. „Sandwichprints“ (s. Abb. oben), die in einer experimentellen Entwicklungstechnik mehrere Negative ineinander projizieren und somit den Bildern Komplexität und Tiefe vermitteln, die in dieser Form die Undurchsichtigkeit des Menschseins und sein Geheimnis visualisiert. Hier experimentiert Morrisroe auf eine wunderbare Art und Weise, er nutzt die Möglichkeiten der Fotografie und sucht nach einer Ausdrucksform, die auch durch das Medium und dessen Prozesse, nicht nur durch das fotografierte Objekt entstehen kann. Morrisroes handschriftliche Eintragungen an den weißen Rändern der Sandwich-Prints vermitteln ein Mehr an Authentizität, als in den dramatischen Leidensgesten seiner Selbstporträts in seinem Bett. Vornehmlich die (Auswahl der) Polaroids zeigen einen unreifen, ich-bezogenen, vom Schicksal gezeichneten jungen Mann, dem die Welt keinen Platz gibt und der als einzige Spiegelfläche des Ichs das fotografische Bild seiner selbst in selbstmitleidiger Manier als Flucht aus der brutalen Realität ansieht. Die privaten Briefe wie auch Postkarten und von Morrisroe nachlässig bearbeitete Kontaktbögen, welche die Ausstellung ergänzen, verstärken diesen selbstbezogenen Eindruck leider zusätzlich. Ich hoffe, dass für die geplante Ausstellung im Fotomuseum Wintherthur, sein Nachlass eine andere Perspektive auf die Welt als das inflationäre Kreisen um ihn selbst eröffnen kann.
Foto: Eines der starken Werke: "Mark Morrisroe and Gail Thacker", 1980, Sandwich-Print.ENGLISH VERSION
No art at all: Mark Morrisroe's egotism and staging-fetish circles just around himself.Since June 2008 the Berlin art world has a new hotspot, the Kunsthalle Koidl, an initiative of the Swiss chocolate manufacturer Roman Maria Koidl. The Kunsthalle was founded to provide access to collections that are usually not presented to the public. Concerning Berlin's rather quick replacive mentality towards its (obviously too expensive to care for) historical buildings (Berlin Wall, former GDR Palace of the Republic), Koidl did a surprisingly excellent job restoring one of the most beautiful examples of Berlin industrial architecture, a former relay station, designed in 1928 by the Berliner S-Bahn architect Richard Brademann, in the Bauhaus style. The station now serves as exhibition space. It took Koidl many years, marked by nerve-fraying cooperation with rigid German landmark protection bodies, but he was able to maintain the original structural conditions. One cannot praise Koidl too highly for this effort. (However, it should be strangely noted that there is no heat, and when it's crispy cold -6 degrees Celsius (+21 degrees Fahrenheit), outside and in, it's not just the art that's getting damaged!).
With this space, Koidl establishes an exclusive circle around a small Swiss- and Collector-connection in Berlin. The concept sounded idealistic in the beginning: visibility for the art seemed to be the guideline. The advantages for both sides which result out of this private investor-collector venture are known widely: enhancement of the art-value, polishment of the own image and an increasing degree of popularity. Art used to convey the virtual message of vanities. Consequently and so far dissappointingly the kick-off exhibition presented selected works from the famous collection of the Dresdner Bank and pinned its yawning-boring visibility hopes on already known and established artsits. This decision for the well-tried made the apparent marketing motivations too obvious and, in its self-adulation, definitely fit in the boring bourgoise circles of its surrounding in Charlottenburg. Critique appeared fast in our petulant Berlin and people asked, why in this capital of art-production, lesser known names than Giacometti and Ackermann were not given space to break open the already numerously run-through art-positions?
The actual presentation of the American photographer Mark Morrisroe (1959-89), whose bequest is held by the Ringier Collection in Switzerland since 2002 and which is assorted by Teresa Philo Gruber in the rennomated Fotomuseum Wintherthur, seemed to be a step towards a rather unknown artistic position. Morrisroe, an „artist“ who died early in his thirties in the New Yorker gay and drug-scene, is presented with his polaroids, photography, „sandwich-prints“, letters and posters. A fated renegade, a castaway, a doomed homosexual whose hard biography pierces the viewer. But his works leave one helpless, beacuse they don't refer to anything else, than himself.
One could say that the selection for his exhibition is unfortunate. More likely, his entire work is built on displays of vanity and self-exposure. Morrisroe's works are signed by an avowedly narcissm, which even mirrors itself in his painstakingly created polaroids of his friends. These images don't represent the photographed person, but they appreciate Morrisroe himself, who wants to express his self in their aestheticised, and additionally to that Man Ray quotating (!) gestures. Morrisroe is looking for himself and there is nothing more to be found. This observation left me quite unsatisfied with his work as it doesn't refer to anything outside of him, to something which goes beyond him, which is more than his sad look back on his darkly drawn life and his dreamingful escape in the world of the Bohéme in the early twenties, which he tries to re-evake in his black and white polaroids. Morrisroe's life was like an extreme and cruel punk song (drug addicted mother, left the house with 16, working as a male prostitute, shot by a suitor, heroine-addicted, gay and HIV-positive). He struggled his entire life. A day after didn't exist in his mind. There was just him. He met Nan Goldin and Philip Lorca di Corcia in the School of the Museum of Fine Art in Boston, which he visited for a short while. This encounter didn't seem to evake any changes in his "approach".
His photographs show a frightened, lonely, hurt and love-longing Morrisroe, who wished to mediate authenticity, but falls victim to its (staged) speciousness and appearence. He looks trapped in his own jail of lack of prospects. Watching his works I couldn't stop thinking about the difference between Morrisroe and Nan Goldin. Why do her images go further more? I found the answer to that on her sociological approach. Goldin was able to objectify, to pull herself back which makes her work wider ranging than Morrisroes imprisoned stages in his tight „me-corsage“. Morrisroe had no idea behind his photgraphs than himself. Maybe his short-termed life didn't give him the time and space to establish a wider ranging position out of the tight spheres between the longing self, violence, sexual excesses and the permanent walk on the existence-line between life (which in his case was mainly surviving) and death (and even stranger to say: these borders are that much elementary already, but cannot be found in his "look at me, my life is just so sorrowful" work).
I still can't say, that his works can be called art. The only satisfiying images were his „sandwich-prints“ (see image above) which were created out of several negatives developed in an experimental way one into the other and creating a blurring effect in the portrait, which established deepness and complexity representing the opacity of human behaviour and its secrets. Here he seemed to have been dealing so well with the qualities of the medium, with its possibilities, longing a way of widening perspective through trial. Morrisroe's handwritings on the white edges of the prints leave his personal traces of authenticy and authorship, which are far more intensive than the suffering gestures presented by himself to the viewer when he photographs himself "suffering" on his bed for example. Mainly the selection of the polaroids in the exhibition reveals an egotistic, doomed young man, who doesn't find his place in the world and therefore uses the photographic image as the only mirror for his self in a self-pity way to escape the brutal reality. The presentation of his private letters and postcards, as well as his careless treated contact-prints, unfortunately increase the effects of his idiocentrism. I remain hoping, that the exhibition on Morrisroe which is planned for 2010 in the Fotomuseum Wintherthur, will be able to establish another perspective on his work, than just his moving in circles inflationary looking for himself.
Image: One of the strong works: "Mark Morrisroe and Gail Thacker", 1980, Sandwich-Print.