
Anmerkungen zu den Fotografien im Katalog „Sensation“ von Johnnie Shand Kydd
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Bei einem erneuten Wiederaufschlagen des „Sensation“ Kataloges von 1998 beschleicht den Leser eine Geschichstschwere, die den doch kurzen Zeitraum von 12 Jahren in eine ferne Zeit verwandelt. Würden Jake und Dinos Chapmans hybride, pornografische und brutale Kindergestalten in Zeiten von vorherrschender Schamhaaraversion bei Teenagern immer noch so viel Entrüstung auslösen? Sind Sarah Lucas wütend rasierklingengespickte Doc Martins in Anbetracht der heute siegenden Furcht und Lähmung der finanzkrisengebeutelten Gesellschaft nicht reliquienhaft spukende Punkattribute? „Quite old school“ denkt man und wundert sich, wie weit entfernt und fremd die schneidende und rebellische Wut der YBA's erscheint, wenn heute Masse als Individualismus verkauft werden kann und trotz Bankencrash bis heute keine Steine geflogen sind.
Eines haben die YBAs jedoch mit der heutigen Situation gemein: ihre Arbeiten basieren auf der Frustration ausgelöst durch eine schwere Finanzkrise zu Beginn der Neunziger Jahre, als sie vom Goldsmiths College in eine graue, ausgeblutete Londoner Ödnis entlassen wurden und sich damit beschäftigten, in selbstgegründeten Läden, wie dem „Shop“ von Tracey Emin und Sarah Lucas, Aschenbecher mit dem schwarz-weiß Konterfei von Damien Hirst zu verkaufen auf dem man seine Zigaretten ausdrücken konnte. Zwischendurch ernährten sich die YBAs von Tee und Freibier bei Eröffnungen, wie man in Gregor Muirs Buch „Lucky Kunst“ nachlesen kann. Muir zeigt mit seinen Augenzeugenberichten interessanterweise auf, dass es den YBAs damals ähnlich schlecht ging, wie heute den Künstlern in Berlin.(1) Ich bin gespannt wann die YBAs – die Young Berlin Artists ein Revival anstimmen werden dürfen...wann schlägt die Apathie in Wut durch?
Der Katalog beinhaltet 42 schwarz-weiß Porträtaufnahmen der Künstler vom Fotografen Johnnie Shand Kydd. Er begleitete als Freund viele der YBAs während ihrer Laufbahn und präsentiert sie in intimen, beiläufigen Aufnahmen, welche die jeweilige Werkserie einleiten. Die Fotos sind in der Hinsicht extrem interessant, als sie auf die Bedingungen der Kunstproduktion in den 90er Jahren verweisen und weiterhin den Künstler als Schaffenden dokumentieren. Es gibt einige Elemente, welche die Abgebildeten verbinden: Immer TUN die Künstler etwas, fast immer sind sie schaffend im Atelier zu sehen, manchmal auch draußen vor betongrauem Himmel. Oft fotografiert Kydd ihre Schuhe, damit den Weg, den sie gehen, die Spur, die sie hinterlassen. Noch prägnanter zeigt er ihre Zigaretten, die entweder gerade angezündet werden (die Tat, der Beginn!) oder die vergehende Zeit des Nachdenkens anhand ihres Verglimmens symbolisieren. Sie wirken, wie auch die qualmenden Darsteller aus diversen sechziger Jahre Filmen, anachronistisch. Die Zigarette scheint mir die wütende Ikone der Thatcher Ära zu sein, in der vor allem die working-class den Gürtel enger schnallen musste. Damien Hirst bezeugt das als einer der ersten. Deshalb ließ er sich gerade diese auf seinem Aschenbecherkonterfei ausdrücken. Die Zigarette als Möglichkeit des realitätsnegierenden Gedankens, der nur einen ironischen Halt gibt, wenn man sich schon der pragmatischen Morbidität des Zerteilens einer Kuh widmen muss.
Gerade Damien Hirsts Porträt erheitert, wenn er sich wie ein kleiner Junge, neugierig, verletzt und doch düster in sich hinein grinsend auf einer Wiese mit kurzen Hosen, einer viel zu großen Regenjacke und einer weidenden Kuh im Hintergrund porträtieren lässt. Sein Foto ist stimmig in seiner Inszenierung, weil man weiß, dass die Kuh bald dran glauben werden muss, weil der Rinderwahn damals alle in Panik versetzte, weil der kleine Mann das Tier demnächst sezieren, zerteilen und in Formaldehyd einlegen wird. Peter Davies verweist auf sein The Smiths T-Shirt, das damalige Sprachrohr der verletzten und unverstanden Liebe. Tracey Emin inspiziert fokussiert in ihrer Adidas-Jacke (old school die Zweite) ein Stück Stoff ihrer Näharbeiten in ihren Händen auf einer kärglichen Matratze. Ihre Schuhe stehen neben ihr und bewachen sie dabei. Alex Hartley inszeniert sich als kleines Mädchen, das provozierend den verboten heißen Kochtopf vom Herd zieht und Richard Patterson blickt uns psychopathisch an, als wenn er gleich eine Knarre ziehen könnte. In allem steckt Verzweiflung.
Was waren das für Bedingungen unter denen die YBAs damals ihre Arbeiten gefertigt haben? Die Fotografien verraten viel darüber. Es war die Zeit in der aus nichts etwas wurde, wie Rachel Whitereads Kunstharzgüsse des Luftraums unter dem Stuhl bezeugen, oder Sarah Lucas „Zwei Spiegeleier und ein Kebab“, die in ihrem Arrangement aus dem Essen eine nackte Frau entstehen lassen und damit kommentierend ihren Spott auf die transformative Kunst kundtun. Es war die Zeit der pragmatischen Wut, weil es so wenig gab, einer Zeit in der man so viel Katharsis vor Augen hatte, dass die Ironie der Zigarette das gestutzte Leben erträglich machte, in dem die Repression der versperrten Realität den Ausbruch und endlich ein neues paar Schuhe forderte, das bisher nur hinter einem Zigrettenqualmschleier zu erahnen war.
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(1) Diese leiden allerdings nicht so sehr an dem Mangel von Ausstellungsmöglichkeiten, denn wie die YBAs organisieren sie sich in idealistischer Eigenregie ihre Ausstellungen an den kunstunfreundlichsten Orten der Stadt einfach selbst (s. Forgotten Bar), sondern eher an der Masse der Künstler, die alle für sich beanspruchen, einen Platz in der Stadt zugesprochen bekommen zu müssen, weil in Berlin tatsächlich jeder seinen Platz finden kann ohne viel dafür tun zu müssen (deshalb ist es ja für viele auf dem Selbstfindungstrip gerade so attraktiv hier zu leben - und manchmal auch zu arbeiten).
Foto: Johnnie Shand Kydd: "Damien Hirst"
Cigarettes, sneakers and the Young British Artists
Some notes on the photographs by Johnnie Shand Kydd in the „Sensation“ catalogue
While re-opening the „Sensation“ catalogue from 1998, a kind of creepy feeling puts weight of history-consciousness onto one's mind. It transforms the rather short period of 12 years into a far far away time. One wonders, if Jake and Dinos Chapman's hybrid, pornographic and brutal child-figurines are still able to stir up shock in times of a teenager generation with pubic-hair aversions? Aren't Sarah Lucas's angrily razor-blade studded Doc Martins rather relic-like haunting attributes of a dusty punk-culture in times of a credit-crunched, paralysed and anxious society? One thinks: „Wow, that's quite old school already“ and wonders, why the sharp and angry rebellion of the YBAs seems so foreign and far away nowadays, when mass is sold as individualism and still nobody threw a cobble since the crash of Lehman Brothers 2008.
There is one aspect the YBAs still have in common with today's situation: their works derive from the frustration caused by a heavy recession at the beginning of the 90ties, right when they left Goldsmith's College into a gray, haemorraged London wasteland. They started occupying themselves in places like Tracey Emin's and Sarah Lucas's „The Shop“ with selling cheap ash-trays with Damien Hirsts face stuck to the base, where you could stub your cigarette out. Inbetween, they fed themselves with tea and beer on openings. Gregor Muir describes as an eye-witness this dark work-circumstaces and punk-zeitgeist quite vividly in his book „Lucky Kunst“. Muir reveals, that the YBAs were all poor and struggeling a lot with the lack of perspectives, similar to the situation of artists in Berlin today for example, but with a higher level of despair.(1) (I am thinking of an exhibition introducing the re-birth of the YBA, this time in the form of the Young Berlin Artists... when, someday here, finally loose life will change into highly productive anger. - But I feel this will happen in places like Istanbul before.)
The catalogue contains 42 b/w photographs of the artists shot by Johnnie Shand Kydd. He accompanied many of the YBAs during their career and portraits them in intimate, casual shots which are introducing the following body of work. Kydd's images are extremely intersting seen from the point of view of refering to the manners of art-production in the 90ties and furthermore documentating the artist as a „creator“ and his staging. There are several connecting elements to be found in the images: the artists are always DOING something, mostly you see them working in their studios/apartments, sometimes you see them outside in front of a concrete-coloured sky. Often, Kydd is (consciously?) photographing their shoes, and with this the way they walk on, the trace they left. Even more often, you see them with cigarettes, concentrated lightning them or just smouldering, and with this revealing the time it takes to think about something. The cigarettes seem anachronistic, like smoking movie-characters from the 60ties. To me, the cigarette seems to be the angry icon of the Thatcher-era, when everybody and mostly the working-class had to tighten their belt. Damien Hirst witnesses the meaning of the cigarette as one of the first, letting it burn his likeness. The cigarette as the possibility of a reality-neglecting thought, which exists for the sake of keeping an at least ironic grounding, while facing the fact that you have to deal with the pragmatic morbidity of splitting a cow.
Damien Hirst's portrait amuses when he's standing as a lost, hurt, shy but curious and unnotably smirking little boy with a far too big jacket and short pants in the meadow with a peacefully grazing cow in his back. His photograph is perfectly set up, because one knows, that the cow will kick the bucket soon, because BSE set up everybody in panic back then, because this shy man will separate the animal in a bloody procedure soon to soak it into formaldehyde (and become one of the richest artsits ever, which facing this grounded photograph seems weird).
In the meantime, Peter Davies points love-needing at his "The Smiths" T-Shirt, the voice of failed and misunderstood love of these times. Tracey Emin examines sunk into her adidas-jacket (old school the second!) a piece pf cloth between her hands sitting on a blank and scanty mattress. Her boots are standing next to her, watching, guarding her. The Chapmans spend their time with playing soccer on the dirty street. Alex Hartley sets herself up as the curious little girl, which grasps the hot pot from the oven and Richard Patterson looks at us as if shortly before taking out his psychopathetic gun. There is despair everywhere.
What kind of conditions were these embedding the creative and productive space of the YBAs? Kydd's photgraphs reveal a lot about these times and places. It was the time, when nothing turned into something, when Rachel Whiteread casted the empty spaces beneath the chairs, when Sarah Lucas created a woman out of two fried eggs and a kebab – and with this scoffed on „transformative art“. It was the time of pragmatic anger, because there was just so few, because the permanent facing of the catharsis could just be eased by the cigarette's irony which made the cropped life bearable, because it was the time when recession and repression forced a break-out of the locked reality and created the wish for a new pair of shoes, which until then had just been seen behind a curtain of cold cigarette smoke.
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(1) Surely Berlin has a higher gallery infrastructure by now offering around 700 (!) of them. Therefore Berlin's artists do not lack spaces for exhibitions, as similar to the YBAs, they also organise themselves in self-curated exhibitions in the richely existing "off-spaces" (before they were just called factories/vacancies) motivated by idealistic energies. More likely and in diametral comparison to the YBAs, they struggle with the masses of artists in town (or people who consider themselves to be some), which claim their space in the city. Berlin has the reputation for bearing a place for everybody without having to do much for that (that's why every person being on a kind of self-discovery trip feels welcomed here and finds it attractive to live in Berlin – and sometimes even to work!)
Chariot du Monde (après Manzoni) / World´s shopping cart (after Manzoni)
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